k+a 2011.1 : Textil-Kunst | Art textile | Arte tessile

k+a 2011.1 : Textil-Kunst | Art textile | Arte tessile

Michael Leuenberger
Textil-Kunst
   Es gibt ein Textilland Schweiz, das Weltgeltung hat. Nur tritt das hierzulande wenig in Erscheinung. Wohl vermochte die kürzlich beendete Ausstellung Soie pirate im Schweizerischen Landesmuseum diesen Glanz zu zeigen – die Schätze aus dem Archiv der Textilfirma Abraham in Zürich, deren Stoffe das Rohmaterial für die renommiertesten Modeschöpfer und ihre Kreationen lieferten, zeigten die Vielfalt, Kreativität und hohe Kunst einer Industrie, die unser Land geprägt hat – bis heute. Was kaum jemand hierzulande weiss: Immer noch wird ein Drittel der Haute Couture, die auf den Laufstegen dieser Welt gezeigt wird, aus Schweizer Stoffen gefertigt.
   Unser Themenheft Textil-Kunst soll etwas von dieser Vielfalt und Lebendigkeit zeigen, auch im Bereich der Restaurierung und Forschung. So zeigt ein Besuch in der vor rund 50 Jahren gegründeten Abegg-Stiftung in Riggisberg, wie wichtig auch die Ausbildung eines restauratorischen Nachwuchses für eine Sammlung ist, die 2000 Jahre internationale Textilgeschichte umfasst.
   Die Redaktion von k+a hat für diese Ausgabe aber auch bisher kaum bekannte Schätze gehoben: So haben Lisa Laurenti und Dave Lüthi die Archivbestände der zwischen 1752 und 1854 tätigen Fabrique-Neuve von Cortaillod im Staatsarchiv des Kantons Neuenburg gesichtet. Die Firma machte sich einen Namen durch das Bedrucken von Baumwollstoffen mit ausdrucksvollen Ornamenten, die wir in zahlreichen Fotografien zeigen.
   Wir freuen uns, Ihnen mit der Vielfalt der Beiträge in dieser Ausgabe von k+a das Textilland Schweiz und seine Kunst näherbringen zu dürfen!


Essay | Essai | Saggio
Sigrid Pallmert
Schweizer Textilien für die Welt
   Schweizer Textilien verfügen international über ein sehr hohes Renommee. Das schweizerische Bewusstsein für dieses Gewerbe ist aber teils nicht sehr ausgeprägt. Mit ein Grund ist der Umstand, dass es sich um anonymes Design handelt. Im Unterschied zur Mode sind die Produkte nicht «signiert», also nicht leicht identifizierbar. Länder wie Italien oder Frankreich gelten als Mode- und Textilländer, und sie werden auch als solche wahrgenommen. Aber diese Länder kennen das starke Gefälle zwischen Kunst und Kunsthandwerk nicht – ein Phänomen des deutschen Sprachraumes. Michelle Obama hat zur Amtseinführung ihres Mannes, Barack Obama, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, Guipure-Spitze aus St. Gallen getragen. Einen kurzen Moment sind die Schweizer Textilien ins Rampenlicht getreten. Ihre Herkunft wurde öffentlich gemacht – mit einem grossen Werbeeffekt. Und die Yacht «Alinghi» segelte 2003 nicht nur unter Schweizer Flagge. Die Stoffe der Spinnacker waren im St. Gallischen Neu St. Johann hergestellt worden.


Dossier 1
Lisa Laurenti, Dave Lüthi
Die Neuenburger Indienne-Stoffe
   Die Archivbestände der zwischen 1752 und 1854 auf dem Gebiet des Baumwolldrucks tätigen Fabrique-Neuve von Cortaillod werden im Staatsarchiv des Kantons Neuenburg aufbewahrt und enthalten Tausende noch unerforschter Skizzen und Entwürfe für Indienne-Stoffe. Die Kollektion umfasst eine Vielzahl erstaunlicher Motive und Ornamente für den Druck von Baumwollstoffen für Kleider und Innenausstattungen. Einige dieser Vorlagen wurden durch bemalte Stoffe aus Indien beeinflusst, andere zeigen eine mehr oder weniger naturalistische Wiedergabe europäischer Pflanzenarten oder Elemente aus dem zeitgenössischen historischen Vokabular. Aus der Perspektive der Kultur- und Sozialgeschichte des Geschmacks vermittelt die interdisziplinäre und internationale Sichtweise dieser Kunstwerke einen Einblick in die Komplexität und die Bedeutung des ornamentalen Ausdrucks sowie in die Ästhetik dieser Epoche. Zudem zeigt dieser Ansatz neue Parallelen zwischen der Kunst des Stoffdrucks und dem aussergewöhnlichen Aufschwung des Kunsthandwerks von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf.


Dossier 2
Barbara Preisig
Umhausungen des Körpers: die Räumlichkeit des Textilen im Werk von Heidi Bucher
   Heidi Bucher ist in den 1970er und 1980er Jahren vor allem durch ihre Latexhäutungen bekannt geworden. Dafür kleidete sie die Räume aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuerst mit einem textilen Gewebe aus, das anschliessend mit flüssigem Latex bestrichen wurde. Stück für Stück zog Bucher in einem performativen Kraftakt die getrockneten textilen Häute von der Wand ab. Übrig blieb eine dünne, bewegliche und transparente Haut, die einen exakten Abdruck des Raumes auf sich trägt. Unter verschiedener Weiterverwendung der Hauträume hat sich Bucher die historischen Räume auf ebenso unterschiedliche wie spielerische Weise angeeignet. In einem umfassenden künstlerischen Transformationsprozess entstehen so neue Räume, die auf einen textilen Ursprung der Baukunst verweisen und von der komplexen Beziehung zwischen dem Menschen und seiner architektonischen Umgebung erzählen.


Dossier 3
Christian Spies
Ornament und Textil
   Vielfach gilt das Verhältnis von Ornament und Textil als ein sehr enges. Umso mehr muss gefragt werden, worin diese Beziehung begründet liegt. Wird mit der Nähe zum Textil nur die ohnehin oft kritisierte Randständigkeit des Ornaments unterstützt, oder handelt es sich tatsächlich um eine intrinsische Verbindung?
   Im Rückgriff auf die medientheoretischen Überlegungen Gottfried Sempers zum Ornament lässt sich diese Nähe zum Textil als eine solche notwendige Beziehung diskutieren. Jenseits seines historischen Ursprungsdenkens, in dem das Ornament in den frühzeitlichen Praktiken des Flechtens und Webens verortet wird, zeigt Semper, wie das Ornament einerseits in den zugrundeliegenden Materialen und den verwendeten Techniken begründet liegt. Davon wird es jedoch als gestaltete Form gelöst und kann wieder auf das Material und die Techniken rekurrieren. In einer solchen medientheoretischen Perspektive bleibt das Ornament nicht auf eine historische Stilgeschichte beschränkt. Vielmehr tritt es als ästhetische Form in den Blick.


Interview | Interview | Intervista
Magdalena Schindler
Regula Schorta, Direktorin der Abegg-Stiftung
   über die neue Sammlungspräsentation, die Vorlieben der Stiftungsgründer und über die Wichtigkeit, qualifizierten Nachwuchs zu fördern.


Dossier 4
Anna Lisa Galizia
Eine bezaubernde und fröhliche Kunst
   Um 1900 erfolgte eine komplette Neubewertung der Textilkunst, wobei die Entwicklung dieses Phänomens, an dem namentlich weibliche Kunstschaffende beteiligt waren, im Verlauf des 20. Jahrhunderts anhielt und sich als von internationaler Tragweite erwies. Dieser erste, unvollständige Bericht über laufende Forschungsarbeiten verfolgt die Wiedergeburt der Webkunst in der Schweiz und deren wachsende Anerkennung, was sich unter anderem im Unterricht an Kunst- und Kunstgewerbeschulen niederschlug. Der Kanton Tessin hat sich als ausgezeichnete Beobachtungsstation zur zumindest teilweisen Aufarbeitung dieser Geschichten erwiesen, da er für einige dieser Frauen eine endgültige Station in deren Leben darstellte. Fünf heute nahezu vergessene Hauptvertreterinnen der Webkunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie Georgette Klein, Edith Naegeli, Maria Geroe-Tobler, Annemarie Schütt-Hennings und Cornelia Forster, begaben sich in die Zentren der Avantgarde in England, Schweden, Deutschland und Frankreich, um sich dort mit den verschiedenen Webtechniken vertraut zu machen.


Interview | Interview | Intervista
Patricia Cavadini-Bielander
«Allora sono veri monaci quando vivono del lavoro delle loro mani» Regola di S. Benedetto 48.8
   Le benedettine del monastero di S. Maria Assunta sopra Claro TI, oltre al restauro di libri antichi, si dedicano con maestrina al restauro di paramenti sacri e al ricamo. A colloquio con Madre Maria Ildegarde Roncagliolo O.S.B., priora della piccola communità di clausura fondata nel 1490 e legata dal 1971 all’abbazia di S. Maria di Rosano presso Firenze


Dossier 5
Anna Lisa Galizia
Eine bezaubernde und fröhliche Kunst
   Um 1900 erfolgte eine komplette Neubewertung der Textilkunst, wobei die Entwicklung dieses Phänomens, an dem namentlich weibliche Kunstschaffende beteiligt waren, im Verlauf des 20. Jahrhunderts anhielt und sich als von internationaler Tragweite erwies. Dieser erste, unvollständige Bericht über laufende Forschungsarbeiten verfolgt die Wiedergeburt der Webkunst in der Schweiz und deren wachsende Anerkennung, was sich unter anderem im Unterricht an Kunst- und Kunstgewerbeschulen niederschlug. Der Kanton Tessin hat sich als ausgezeichnete Beobachtungsstation zur zumindest teilweisen Aufarbeitung dieser Geschichten erwiesen, da er für einige dieser Frauen eine endgültige Station in deren Leben darstellte. Fünf heute nahezu vergessene Hauptvertreterinnen der Webkunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie Georgette Klein, Edith Naegeli, Maria Geroe-Tobler, Annemarie Schütt-Hennings und Cornelia Forster, begaben sich in die Zentren der Avantgarde in England, Schweden, Deutschland und Frankreich, um sich dort mit den verschiedenen Webtechniken vertraut zu machen.


Persönlich | Focus
Zara Reckermann
Eine textile Künstlersymbiose: Franziska und Ferdinand Gehr
   In einem Gespräch berichtet die Weberin Franziska Gehr über ihren Beruf sowie die Zusammenarbeit mit dem Vater, dem Maler Ferdinand Gehr. Gemeinsam verwirklichten sie zahlreiche Wandteppiche – sakrale, aber auch profane Werke.


KdS | MAHS | MAS
Wissen vernetzen gestern und heute
   Von der «Statistik schweizerischer Kunstdenkmäler» zum elektronischen «Netzwerk für schweizerische Architektur- und Kunstwissenschaft»
Besuchen Sie die Plattform unter: www.reticulum-artis.ch


GSK | SHAS | SSAS
Interview | Interview | Intervista

Michael Leuenberger
«Eine grosse Herausforderung»
  
Seit Januar 2011 ist Dr. Benno Schubiger neuer GSK-Präsident. Er tritt das Amt in einer Phase starker Veränderungen an.


 

Preis
CHF 20.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 15.00
Typ:
Buch
Abbildungen
93
Seitenzahl
74
Autoren
Anna Lisa Galizia
Barbara Preisig
Christian Spies
Dave Lüthi
Lisa Laurenti
Magdalena Schindler
Patricia Cavadini-Bielander
Sigrid Pallmert
Zara Reckermann
Artikelnummer
K+A-2011.1
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-446-9
Bandnummer
2011.1
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte