k+a 2012.3 : Stein und Beton - Pierre et béton - Pietra e calcestruzzo

k+a 2012.3 : Stein und Beton - Pierre et béton - Pietra e calcestruzzo

Der Themenschwerpunkt des diesjährigen Europäischen Tags des Denkmals, «Stein und Beton», hat die Redaktion von Kunst + Architektur in der Schweiz veranlasst, neben dem Blick auf denkmalpflegerische auch einige ästhetische und kulturgeschichtliche Gesichtspunkte der verschiedenen Werkstoffe zu berücksichtigen. Denn es gibt unzählige Facetten beider Materialitäten. Die Nachkriegsmoderne mit ihren vielfältigen Ausfächerungen von Bauten in Kunststein – Brutalismus, Funktionalismus, Rationalismus – hat zu einer neuen Ästhetik geführt und die Architektur revolutioniert. Architekten und Ingenieure haben durch neue technische Möglichkeiten die Wahrnehmung von Bauten verändert und bisher unbekannte gestalterische Dimensionen erschlossen. Doch gleichzeitig birgt die Chance der neuen Qualität wiederum die Gefahr der Banalität und Beliebigkeit. Dieses gigantische Werkstoffexperiment ist nach wie vor im Gange. Zwar wurde für die Gewinnung und den Transport von Steinwerkstoffen oft kein Aufwand gescheut – das baugeschichtliche Kulturerbe der Schweiz ist aber weitgehend durch lokale Traditionen und die Nutzung der Ressourcen vor Ort geprägt. So hat zum Beispiel das Gestein des Pierre Jaune in Neuenburg – ein Stein, der sich in der unteren Kreidezeit vor rund 130 Millionen Jahren gebildet hat – das Gesicht der Stadt und ihrer Umgebung wesentlich geprägt. Beim Basler Münster wiederum sind es die Buntsandsteine aus dem Wiesental und Rheintal, deren unterschiedliche Qualität aufgrund der verschiedenen geologischen Entstehungsbedingungen den Restauratoren viel handwerkliches Können und Wissen abverlangen. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Entdecken der verschiedenen Facetten beider Werkstoffe.
Michael Leuenberger und die Redaktion

 

Essay | Essai | Saggio
Katharina Stehrenberger
Der Klang des Kunststeins
Ästhetik des «Unperfekten»

Zusammenfassung
Was zeigt ein Vergleich der drei mineralischen Baustoffe Naturstein, Beton und Kunst¬stein, wenn ihre Unterschiede bezüglich Natür¬lich¬keit, Homogenität und Beinflussbarkeit herausgestrichen werden und auch ihr Ver¬hält¬nis zur Perfektion befragt wird? Die aktu¬elle Bauproduktion bringt eine wachsende Anzahl an Gebäuden hervor, die sich in Genauigkeit und Perfektion kaum noch steigern lassen. Der zu¬neh¬¬mende Perfek¬tionis¬mus ist nicht nur das Resultat industrieller Weiterent¬wicklung, er ist auch Produkt optimierter Bauabläufe. Dennoch: Letztlich geht es nicht allein um die Oberflächenbeschaffenheit von Materialien, sondern um die Kombination von präzisen Teilen und Rohem, also um unterschiedliche Bearbeitungs¬stufen der miteinander in Verbindung gesetzten Werkstoffe. Die Frage, wie perfekt ein Objekt in Erscheinung tritt, ist ein komplexes Zusammenspiel zwischen Materialität, Tektonik und Plastizität.

 

Dossier 1
Gilles Borel, Jeanne Bonzon
Retour sur 200 ans de témoins sciés et polis
La collection de roches ornementales du Musée cantonal de géologie à Lausanne

Zusammenfassung
Die Sammlung von Dekorsteinen im kantonalen geologischen Museum von Lausanne
Unter den wissenschaftlichen Beständen des kantonalen geologischen Museums von Lausanne befindet sich eine in mancherlei Hinsicht aussergewöhnliche Sammlung: diejenige der Dekorsteine. Sie setzt sich aus ungefähr 2000 Gesteinsproben zusammen, die mindestens eine polierte Seite aufweisen. Die Grösse der Muster variiert von 2 × 1 cm bis 15 × 30 cm bei einer Dicke von 0,3 bis 3 cm. Zu den am häufigsten verwendeten und typischsten Vertretern dieses zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert blühenden Gewerbes gehören die Exponate der «Marmorvorkommen» aus der Umgebung von Roche und des Marmors von Saillon. Die vorliegende Sammlung ist zusammen mit dem Museum entstanden. Erste Muster stammen aus der Kollektion Henri Struve (1751–1826), welche die Grundlage des 1818 gegründeten Museums darstellten. Die jüngsten Zuzüge sind diejenigen aus der Sammlung Robert Briod aus dem Jahr 2011. Zu den Donatoren gehören auch die Marmorsteinmetz-Dynastien Doret (18. bis 20. Jh.) und Rossier (20. und 21. Jh.) aus Vevey. Zurzeit ist das Museum daran, diese Sammlung als Arbeitsinstrument für Architekten, Kunsthistoriker, Restauratoren und weitere Interessierte aufzuarbeiten.

 

Dossier 2
Paolo Fumagalli
Una piazza di cemento ai piedi del castello
Livio Vacchini, piazza del Sole a Bellinzona (1981-1999)

Zusammenfassung
Ein Betonplatz zu Füssen des Castello
Dort, wo die Bruchsteinmauern des mittelalterlichen Castelgrande und sein Sockel aus rohem Fels in die horizontale Ebene der Stadt eintauchen, hat Livio Vacchini die Piazza del Sole entworfen. Flach, glatt und absolut geometrisch verdeutlicht und definiert sie die Begegnung zwischen dem Stadtraum und dem Volumen des Castello. Der über einem unterirdischen Parkhaus realisierte Platz ist als perfekt quadratische Architektur ausgebildet. Vier Baukörper aus Sichtbeton bilden den Zugang zum darunter liegenden Parking, der Boden besteht aus in Beton eingelassenen Granitplatten. Das raffinierte Mosaik der Piazza und die skulpturalen Eckvolumen sind eine zeitgenössische Antwort auf die lange Geschichte der Stadt. Form und Material der Piazza del Sole haben seit ihrer Fertigstellung lebhafte Kritik ausgelöst: Das Problem liegt dabei nicht in der Architektur, sondern in der modernen Stadt, die ihre sozialen Werte und verbindende Funktion verloren hat – zerstückelt in einer verstädterten Landschaft.

 

Interview | Interview | Intervista
Michael Leuenberger
Eine Daueraufgabe
Arbeiten und Perspektiven der Basler Münsterbauhütte

Ein Gespräch mit Münsterbaumeister Andreas Hindemann und Hüttenmeister Marcial Lopez über den praktischen Umgang mit historischer Bausubstanz und die Vorteile der kontinuierlichen Restaurierung am Basler Münster.

 

Dossier 3
David Ripoll
Pavé, caillou, ciment
Histoire matérielle du revêtement de sol à Genève

Zusammenfassung
Pflastersteine, Kieselsteine, Zement: Materialgeschichte der Bodenbeläge von Genf
Die lange Zeit mit Flusssteinen gepflästerten Strassen und Plätze von Genf erfuhren im 19. Jahrhundert eine grundlegende Veränderung. Aufgrund neuer Anforderungen an Hygiene und Komfort und getragen von technischen Fortschritten in der Kunst der städtischen Bodenpflästerung, werden immer häufiger der in der Deutschschweiz bereits eingesetzte behauene Pflasterstein, Asphalt aus Seyssel sowie die von John McAdam erfundene mehrschichtige Schotterbauweise für Strassenbeläge verwendet. Mit dem Aufkommen der verschiedenen Materialien erfolgt gleichzeitig neu die räumliche Aufteilung von Strasse und Trottoir, die beide jeweils mit einem eigenen Belag versehen werden. In der Folge werden Pflastersteine verschiedener Art und aus unterschiedlichen Materialien eingesetzt; erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erobern Zement und Bitumen unaufhaltsam den städtischen Boden. Der Pflasterstein erlebt heute wieder ein spektakuläres Comeback. Seine Eigenschaften und seine unvergleichliche Ausstrahlung prädestinieren ihn zur Ausgestaltung historischer Zentren.

 

Dossier 4
Zara Reckermann
Wechselspiel zwischen Kunst und Natur
Katja Schenkers künstliche Steinkonglomerate

Zusammenfassung
Die Künstlerin Katja Schenker schafft künstliche Steine, deren natürliche Veränderung Teil des künstlerischen Konzepts ist. Die aus Asphalt oder Beton bestehenden Installationen entstehen in einem Wechselspiel von künstlerischer Performance und den Kräften der Natur. Trotz ihrer Künstlichkeit sind die Steine äusserst lebendig. Schenkers Steinkonglomerate stellen eine Mischung aus künstlerischer Komposition und dem Zufall dar, der in all ihren Arbeiten immer eine zentrale Rolle spielt. Körperlicher Einsatz und die Kräfte der Natur prägen diese künstlichen Steine.

 

Dossier 5
Elfi Rüsch
Illusionismo e imitatio naturae
A proposito di scagliola intarsiata e di «marmo dei poveri»

Zusammenfassung
Illusionismus und imitatio naturae
Eine gezielte Verwendung natürlicher Materialien, wie Gips, Scagliola, Marmorpulver, pflanzliche Farben, Leime und Wachse sowie deren Verarbeitung, die nicht selten mit einem «Werkstattgeheimnis» (segreto di bottega) belegt war, steht am Ursprung der sog. Scagliola-Arbeiten, in unserem speziellen Fall der Scagliola-Antependien (Vorsatztafeln aus intarsiertem Stuckmarmor). Ihre illusionistische Wirkung ist optisch wie taktil von besonderer Suggestivkraft. Der vorliegende Artikel stellt eine kurze Zusammenfassung dieses faszinierenden Aspekts der sog. «angewandten Kunst» (arte minore) dar, die speziell in der zweiten Hälfte des 17. und im Lauf des 18. Jahrhunderts verbreitet war. Die Autorin nimmt darin zudem einige Inhalte ihrer noch unveröffentlichten Inventarisierung dieser Kunstwerke vorweg, welche die Kapellen und Altäre des Kantons Tessin bis heute zieren. Produktionszentren befanden sich in der Gegend der oberitalienischen Seen, in der Valle d’Intelvi und im Alto Verbano. Ihr Einfluss reichte bis in die abgelegensten Täler und Piemonteser Diözesen.

 

Dossier 6
Michael Hanak
Plastische Möglichkeiten des Sichtbetons
Skulpturale Architektur von Walter Maria Förderer

Zusammenfassung
Wie kein anderer hat der Architekt Walter Maria Förderer in der Schweiz Sichtbeton als Gestaltungsmittel eingesetzt. Seine Schul- und Kirchenbauten, die sich in gehäufter Zahl in seinem Heimat- und Wohnkanton Schaffhausen finden, gehören zu den virtuosesten Anwendungen des Baumaterials: Es handelt sich um eigentliche Betonskulpturen. Für seine Betonbauten entwickelte Förderer in den 1960er Jahren eine vielgestaltige, skulpturale Formensprache. Trotz hohem Bekanntheitsgrad und internationaler Anerkennung blieb jedoch bis heute eine eingehende Rezeption und gesamthafte Würdigung aus. Die Rundschau auf Förderers Schaffhauser Bauten zeigt, dass diese aufgrund ihrer plastischen und räumlichen Qualitäten zu den wertvollsten Bauzeugen der Nachkriegsmoderne in der Schweiz zählen. Der Versuch einer stilistischen Zuordnung zum Brutalismus macht aber auch deutlich, dass für solch einzigartige «Betonskulpturen» die architekturgeschichtlichen Zusammenhänge noch präzisiert werden sollten.

 

Dossier 7
Nicole Froidevaux
Autour des carrières disparues
La Pierre jaune de Neuchâtel, un matériau patrimonial

Zusammenfassung
Der gelbe Stein von Neuenburg – ein Kulturerbe
Der gelbe Kalkstein von Neuenburg entstammt der 1874 durch den Waadtländer Eugène Renevier definierten geologischen Schicht des Hauterivien. Wie Funde in der Gegend der drei Seen bezeugen, wurde er bereits in gallo-römischer Zeit abgebaut. Die zum Teil bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bewirtschafteten Steinbrüche befinden sich östlich von Neuenburg, in der Region von Hauterive, Saint-Blaise und La Coudre. Der besonders leicht zu bearbeitende Stein wurde sowohl zur Herstellung von Bruchstein für den Bau gewöhnlicher Häuser als auch zur Gestaltung und Ausschmückung des Mauerwerks prächtiger und repräsentativer Gebäude verwendet. Der lange Zeit getüncht oder bemalt eingesetzte Stein, «Pierre Jaune» genannt, erlangte im 19. Jahrhundert aufgrund seiner Farbe einen hohen Bekanntheitsgrad. Die sukzessive Schliessung der Steinbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entspricht zeitlich dem Aufkommen neuer Bautechniken, die teilweise auch dazu verwendet wurden, den gelben Stein von Neuenburg zu imitieren.

 

Persönlich | Focus

Simon Baur
Steine, die Geschichte schrieben
Das Steinmuseum in Solothurn
Ein Besuch im einzigen Steinmuseum der Schweiz, einem Kleinstmuseum mit vielen Ideen und Projekten.

 

KdS | MAH | MAS

  • Christine Barraud Wiener, Regula Crottet, Karl Grunder, Verena Rothenbühler
    Die Ausgemeinden der Stadt Zürich bis 1860
    Die Kunstdenkmäler der Stadt Zürich V
  • Neu bei der GSK: Angelica Tschachtli

 

Aktuell | Actuel | Attuale

  • Zum Tod von Isabelle Rucki
  • Billet de la direction
    Nicole Bauermeister
    «Tradition ist letztlich nur eine Innovation, die sich bewährt hat.»
    « La tradition, ça n’est finalement qu’une innovation qui a réussi. » Maurice Druon

 

Auslandreisen | Voyages à l’étranger | Viaggi all’estero

  • Midlands
  • Kunstlandschaft Niederlausitz

 

Ausstellung | Exposition | Esposizione

Une oeuvre incandescente
Le 27 septembre 2012, Genève célèbrera le 100e anniversaire de la naissance du peintre Charles Rollier.
www.charlesrollier.com

 

Bücher | Livres | Libri

  • Architekturführer Goetheanumhügel
  • Champel-les-Bains

 

Impressum | Impressum | Colophon

Preis
CHF 20.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 15.00
Typ:
Buch
Abbildungen
118
Seitenzahl
88
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2012.3
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-049-2
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte