k+a 2011.3 : Kryptische Architekturen - Freimaurerlogen in der Schweiz | Architectures cryptiques, loges maçonniques de Suisse | Architetture criptiche: logge massoniche in Svizzera

k+a 2011.3 : Kryptische Architekturen - Freimaurerlogen in der Schweiz | Architectures cryptiques, loges maçonniques de Suisse | Architetture criptiche: logge massoniche in Svizzera

Im Untergrund ist das Thema des Tags des Denkmals 2011, mit dem der Bevölkerung die Welt unter Tag wortwörtlich entdeckt werden soll. Die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK versteht dieses Thema metaphorisch und beabsichtigt, wenig zugängliche, geheimnisvolle Orte zu zeigen. Dabei ist nicht zu übersehen, dass der verborgenste Teil unseres Kulturguts nicht zwingend in dunklen Archivräumen zu suchen ist, sondern in einem permanenten Versteckspiel oft direkt unter unseren Augen liegt.

Kryptische Architekturen, Freimaurerlogen in der Schweiz ist ein aussergewöhnliches Heft, das dazu einlädt, Orte zu betreten, die den meisten von uns nicht zugänglich sind, da sogar wir oft an ihren verschlossenen Türen vorbeigehen.

Im Lauf der vergangenen Monate waren mehrere Ausstellungen und Kataloge der Freimaurerei und den mit ihr verbundenen Gegenständen gewidmet. Das eigentliche Herz dieser Logen – Versammlungsorte und Tempel – wurde in unserem Land Nichteingeweihten jedoch noch nie so umfassend enthüllt, war auch nicht Gegenstand einer so bedeutenden Publikation wie dieser Ausgabe von Kunst + Architektur. Die Türen der Logen, die unserem Empfang zugestimmt haben, standen weit offen. Wir begegneten grösster Zuvorkommenheit und konnten alle Aufnahmen machen, die wir wünschten. Das Ergebnis ist ein herausragendes dokumentarisches Konvolut und eine bis auf den heutigen Tag einzigartige fotografische Abdeckung.

Sie haben Zugang zu 16 bedeutenden Freimaurerlogen der Schweiz. Darunter befinden sich einige wahre Kunstwerke. Anhand von acht monographischen Beiträgen, fünfzehn typologischen Archivkarten und drei Fotokatalogen entdecken Sie eine Welt von grossem symbolischem Reichtum, in der Gebäude und Gegenstände seit über zwei Jahrhunderten ganz spezifische funktionelle Anforderungen erfüllen.

Zweck der Schweizerischen Gesellschaft für Kunstgeschichte GSK ist die Inventarisierung, Forschung und «Präsentation» von Kunst- und Baudenkmälern der Schweiz oder solchen, die mit ihr verbunden sind. Das wissenschaftliche Renommee der Gesellschaft hat für die Vorbereitung dieses Hefts und – wer weiss? – in Zukunft vielleicht für die Publikation eines umfassenden Inventars den Beginn eines fruchtbaren Dialogs mit nichtalltäglichen Partnern ermöglicht.

Im Untergrund erweist sich vor allem auch als eine Welt oberhalb von unseren Köpfen durch den Dialog, den die Freimaurerlogen zwischen dem Universum der Symbole und dem der Ideen herstellen. Steigen Sie ein in den Dialog, den diese aussergewöhnlichen Seiten beginnen.

Nicole Bauermeister
Direktorin der GSK


Essay | Essai | Saggio
Martin R. Schütz
Unzeitgemäss zeitgemäss oder eine «moderne» Idee
Freimaurer – Woher kommen sie, wer sind sie und wo wollen sie hin?

Die Freimaurerei ist eine weltweite Bewegung, die Menschen von unterschiedlicher Herkunft zusammenführt. «Die» Freimaurerei gibt es nicht. Sie bildet organisatorisch und in ihren jeweiligen Ausprägungen kein geschlossenes Ganzes. Verbindend ist indes allen Freimaurern – und Freimaurerinnen –, dass sie Werte wie Toleranz oder Aufgeschlossenheit teilen und ihnen nachzuleben versuchen. In diesem Sinne ist Freimaurerei eine Form von «Einübungsethik». Grundlage dazu sind Rituale und Symbole, die der Tradition mittelalterlicher Bauhütten entliehen sind. In ihrer heutigen Form ist die Freimaurerei ein Produkt der Moderne, also stark beeinflusst von der ideengeschichtlichen Aufklärung. 1717 schlossen sich in London vier Logen zur ersten Grossloge der Welt zusammen. Sie legten so den Grundstein zur raschen Ausbreitung der Maurerei. 1844 gründeten die Schweizer Freimaurer die noch heute existierende Grossloge Alpina. In ihr sind zurzeit 83 Bauhütten mit rund 3800 Mitgliedern vereinigt. International gibt es etwa 34'000 «Johannislogen», die über drei Millionen Mitglieder zählen.


Dossier 1
Brigitta Vogler-Zimmerli
Das Porträt Peter Ludwig von Tavels in der Loge zur Hoffnung in Bern
Eine kunstgeschichtliche Rarität

Porträts von Freimaurern sind in der Kunstgeschichte äusserst selten anzutreffen. Die ethischen, vernunftorientierten Prinzipien dieser Gesinnungsgemeinschaft in Verbindung mit der Verpflichtung zur Einhaltung strikter, umfassender Neutralität basieren auf einer Philosophie, die sich mit Personen- oder Vereinspropaganda schlecht vereinbaren lässt. Beim Bildnis Peter Ludwigs von Tavel in der Loge «Zur Hoffnung» in Bern haben Auftraggeber und Maler mit einer sorgfältigen, aufwändig inszenierten Komposition versucht, die porträtierte Person so darzustellen, dass sie als authentische Persönlichkeit auftritt und dabei die freimaurerischen Grundsätze überzeugend zu vermitteln vermag. Dieses Programm vertritt der Dargestellte in einer Zeit allgemeiner Verunsicherung während der Restauration in der Schweiz, ohne gleichzeitig als Individuum dominant hervorzutreten. Als Typus wird das Gelehrtenporträt übernommen, wobei mögliche Impulse von den Porträts von George Washington als Staatsmann und als Freimaurer ausgehen. Die äusserst spärliche Quellenlage lässt jedoch keine sicheren Hinweise zu.
 

Dossier 2
Gilles Prod’hom
Charles Borgeaud (1852-1925), architecte, politicien et franc-maçon
Trajectoire d’un architecte vaudois à la Belle Epoqu

Zusammenfassung
Entwicklung eines Waadtländer Architekten in der Belle Epoque
Zwischen 1890 und 1910 hat der Lausanner Architekt Charles Borgeaud (1852–1925) sowohl seine berufliche Tätigkeit als auch eine politische Karriere innerhalb des Parti radical vorangetrieben. Die in den Lausanner Archiven aufbewahrten Projekte zeigen auf, dass sein politisches Netzwerk ihm den Zugang zu öffentlichen Aufträgen wie Landschulen erleichtert hat. Seine Tätigkeit in zahlreichen Musik-, Sport- und Kulturvereinen wie auch in militärischen Vereinigungen hat seine Arbeit als Architekt überdies zu einem ganz besonderen Bautyp – dem grossen Mehrzwecksaal – hingeführt und ihn nach 1900 zu dessen Experten gemacht. Trotz seiner Besonderheiten reiht sich der Entwurf von 1901 für die Freimaurerloge Liberté ein in eine Serie von Bauten für Vereinigungen, die das politische und soziale Leben der modernen Schweiz gestalten.
 

Dossier 3
Burkard von Roda
Das Haus zum Kirschgarten in Basel
Freimaurersymbolik zur Legitimation des «grösseren Stils» der Bürgerhausarchitektur?

Der Beitrag stellt zur Diskussion, ob die Architektur des Hauses zum Kirschgarten freimaurerische Semiotik enthält und als Bedeutungsträger zu verstehen ist. Dann könnte die Identifikation mit freimaurerischem Gedankengut und ein daraus abgeleiteter Anspruch den baulichen Aufwand legitimiert haben, der die gesellschaftlichen Konventionen missachtete und sich über die Regeln der Zivilbaukunst hinwegsetzte. Obwohl weder die lückenhafte Biografie des Bauherrn Johann Rudolf Burckhardt (1750 – 1813) noch die Baupläne oder das Werk des Architekten Johann Ulrich Büchel eine solche Interpretation explizit stützen, gibt es in der Geschichte der Freimaurerei in Basel und in der Architektur des Hauses zum Kirschgarten Indizien, die auf einen solchen Zusammenhang hinweisen. Mangels zeitgenössischer Vergleichsbeispiele von Logenarchitektur bleibt die These freilich spekulativ.


Dossier 4
Daniela Mondini
«Ein halb kirchliches, halb weltliches Gebäude»
Gustav Albert Wegmanns Logengebäude auf dem Lindenhof in Zürich

Das im April 1854 eingeweihte Versammlungsgebäude von Zürichs Loge «Modestia cum Libertate» überragt noch heute auf dem Lindenhof die Zürcher Altstadt. Der schlichte zweigeschossige Bau mit Treppengiebel wurde in (neu)gotischem Stil ausgeführt, der in der Freimaurerarchitektur eher selten auftritt. Der Architekt Gustav Albert Wegmann rechtfertigte die Wahl damit, die Loge, bestehend aus Bankettsaal im Obergeschoss und «Tempel» im Untergeschoss, sei ein «halb kirchliches halb weltliches Gebäude». Um die Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Gotik – bzw. der so genannte «germanische Stil» – als bevorzugte Stilrichtung für den Kirchenbau. Der Zürcher Architekt distanzierte sich hiermit vom ägyptisierenden Baustil, der besonders in Frankreich nach Napoleons Ägyptenfeldzug als „Freimaurerlogen-Stil“ favorisiert wurde. Wegmanns Referenz waren hingegen die spätmittelalterlichen Bauhütten, an deren Tradition die Zürcher Freimaurer anknüpften und für den «Tempel» sogar vier Arkaden aus dem teilweise abgebrochenen spätgotischen Kreuzgang des Barfüsserklosters als Spolien einbauen liessen. Ideell und materiell konnte die Baukunst der Zeit der ersten Baumeister-Logen zugleich auch auf die Epoche der Blüte und Etablierung der Schweizerischen Eidgenossenschaft verweisen; somit konnte im jungen Bundesstaat die Stilwahl auch als Ausdruck patriotischer Geschichtsverbundenheit aufgefasst werden. Den «Stempel des Geheimnisvollen» verlieh Wegmann dem kryptenartigen «Tempel» durch eine sparsam eingesetzte Lichtführung.
 

Interview | Interview | Intervista
Simona Martinoli
Sulle orme dell’arte e dell’architettura massonica a LuganoA colloquio con Franco Masoni, già presidente della SSAS. 

 

Dossier 5
Nicole Froidevaux
La construction d’ateliers maçonniques dans le canton de Neuchâtel au XIXe siècle
Discrétion architecturale et apparat décoratif

Zusammenfassung
Der Bau von Freimaurerwerkstätten im Kanton Neuenburg des 19. Jahrhunderts
Nachdem sie verschiedene Räumlichkeiten belegt hatten, verspürten die vier Freimaurerlogen des Kantons Neuenburg im 19. Jahrhundert das Bedürfnis, ihre eigenen Bauten zu erstellen. Da auf keine spezifischen Bedingungen Rücksicht zu nehmen war, entspricht ihr Stil den regionalen Architekturströmungen der Zeit. Sie ähneln Mietshäusern oder kleinen Herrensitzen, bleiben dabei stets nüchtern und passen sich ihrer Umgebung an. Die Ausstattung der Tempel indessen unterliegt den Vorgaben der Rituale und Grundsätze der Freimaurer, was besondere Einrichtungen zur Folge hatte. So waren Holz- und Gipsschalen zur Aufnahme der Darstellung des Himmels zu errichten, und es waren auswärtige Dekorationsmaler zu suchen, die bestenfalls auch in der Herstellung von Bühnenbildern spezialisiert waren, um die Kompositionen herstellen zu können, in welchen die Trompe-l’OEil-Malerei von überragender Bedeutung ist.


Dossier 6
Andreas Jahn
Die Konstruktion des Geheimnisses
Betrachtungen zur Architektur von Salomon bis Klee

Architektur ist ein Projekt, das nicht nur im dreidimensionalen Raum stattfindet. Projektionen finden auch auf anderen Ebenen statt, auf dem Papier zumeist oder „nur“ im Geiste. Der Entwurf ist das Finden einer Lösung, die gebaut werden kann, aber nicht gebaut werden muss. Architektur wird zur Metapher der ewig gleichen Frage, worauf man eigentlich baue. Der Tempel Salomons steht nicht mehr. Aber er blieb ein zeitloses Vorbild, das sich selber nach Art der altorientalischen Langhäuser als geheime Wohnstätte Gottes entwickelt hat. Seine Ost-West-Orientierung wurde im Kathedralenbau umgedreht, um dem Licht und der Wahrheit entgegentreten zu können. Die ursprünglich unbehauenen d.h. natürlich entstandenen und nicht von Menschenhand geschaffenen Mauersteine wurden nun kunstvoll geschliffen, damit die Wände verglast werden konnten und den Glanz Gottes verbreiteten. Die Kunst der mittelalterlichen Bauhütte erbten die Freimaurer und Formmeister des Bauhauses auf ihre jeweils eigene Art. Die aufgeklärten Freimaurer gestalten noch heute den Tempel am eigenen Leibe, weil man selber der Baustein ist. Die Bauhaus-Künstler sahen das nüchterner und entwarfen Häuser für den einfachen Mann. Ihr Licht kam aus dem sozialistisch geprägten Osten. Und die Steine wurden mit Stahl und Glas ergänzt zu vorgefertigten Bauteilen, die man beliebig aneinanderreihen konnte. Paul Klee als Maler am Bauhaus entwickelte dagegen eine Bildarchitektur, wo die zweidimensionale Anordnung rechteckiger Felder den Zugang findet zu Gedankenräumen nach allen Richtungen hin. Klee dachte Handwerker und Weltenschöpfer ineins und wurde Demiurg im besten Sinn des Wortes (gr. demiurgos = „allgemein nützlicher Arbeiter“). Wer da mitspielt, liefert weitere Bausteine einer Denkbarkeit, die andere wiederum anregen können. Einen solchen Tempelbau kann man niemals abschliessen.


Katalog der Logen
Basel
Zur Freundschaft und Beständigkeit
Byfangweg 13, 4051 Basel
Bern
Zur Hoffnung
Brunngasse 30, 3011 Bern
Bex
Progrès et Vérité
Avenue de la Gare, 1880 Bex
Bienne
L’Etoile du Jura
Rue du Jura 40, 2500 Bienne
Fleurier
L’Egalité
Rue de la Place d’Armes 17, 2114 Fleurier
Fribourg
La Régénérée
Route des Neigles 33, 1700 Fribourg
Genève
L’Union des Coeurs
Rue Firmin-Massot 3, 1206 Genève
Genève
Cordialité & Vérité Persévérance
Rue de la Scie 4-6, 1207 Genève
La Chaux-de-Fonds
L’Amitié
Rue de la Loge 8, 2300 La Chaux-de-Fonds
Le Locle
Les Vrais Frères Unis
Rue des Envers 37, 2400 Le Locle
Luzern
Fiat Lux
Murbacherstrasse 15, 6003 Luzern
Neuchâtel
La Bonne Harmonie
Rue de la Pierre-à-Mazel 9, 2000 Neuchâtel
Saint-Imier
Bienfaisance et Fraternité
Rue du Midi 20, 1610 St-Imier
St. Gallen
Concordia
Spisergasse 42, Schlössli, 9004 St. Gallen
Zürich
Modestia cum Libertate
Lindenhof 4, 8001 Zürich


KdS | MAHS | MAS
Edith Hunziker, Peter Hoegger
Der Bezirk Rheinfelden
Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau IX


Publikationen der GSK | Publications de la SHAS | Pubblicazioni della SSAS


Aktuell | Actuel | Attuale
Benno Schubiger, Adrian Schmid
Baukultur – ein Beitrag zur Identitätsstiftung
Eidgenössische Kulturbotschaft


Bücher | Livres | Libri

Preis
CHF 20.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 15.00
Typ:
Buch
Abbildungen
190
Seitenzahl
100
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2011.3
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-448-3
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte