k+a 2016.2 : Siedlungsbauten | Cités d’habitation | Edilizia popolare

k+a 2016.2 : Siedlungsbauten | Cités d’habitation | Edilizia popolare

Ich wohne in einer «Utopie im Kleinformat», einer ehemaligen Arbeitersiedlung mit Gartenstadtcharakter, viel Platz und einem freundschaftlichen nachbarlichen Umfeld. Dass die Räume weniger grosszügig bemessen sind als heute üblich, stört nicht. Was im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums und der starken Industrialisierung begann, zeigt sich bis weit ins 20. Jahrhundert meist in einer bescheidenen architektonischen Erscheinung: Uniformität, genormte Flächen und Räume dominieren.

Mag diese Art von Architektur äusserlich auch wenig spektakulär sein, so ist sie – vielleicht gerade deswegen – doch erstaunlich nachhaltig und menschenfreundlich. Im Umgang mit beschränkten Ressourcen gelang es nämlich, gute Wohnungen zu günstigen Preisen zu bauen, Obst- und Gemüsegarten inklusive. Damals inspiriert von den Ideen diverser sozialer Bewegungen – als Gegenentwurf zur «wuchernden» Grossstadt –, sieht man heute erfrischende Parallelen bei der Suche nach neuen Wohnformen, verdichtetem Bauen und den Ideen für neue Stadtgärten, dem Urban Gardening. Dass viele dieser Siedlungen als Baudenkmäler und Zeitzeugen seit den 1970er Jahren Schutz geniessen, ist richtig und notwendig.

Aus aktuellem Anlass – der Eröffnung des Gotthard- Basistunnels – widmet sich dieses Heft einem ganz besonderen Aspekt des Themas: den «Schlafsiedlungen» der Mineure. Unsere Tessiner Kollegen haben recherchiert, wie und wo die Mineure am Gotthard zur Zeit des ersten Durchstichs (1872–1882) lebten und wie sich ihre Siedlungen heute präsentieren.

Michael Leuenberger

 

Essay | Essai | Saggio
Dorothee Huber
Wohnsiedlungen – Utopien im Kleinformat
Ein Streifzug durch 150 Jahre Architekturgeschichte

Zusammenfassung
Wohnsiedlungen sind ein privilegiertes Aufgabenfeld der architektonischen Moderne wie auch von modernekritischen Architekturbewegungen. Die verantwortlichen Architekten beweisen hier ihr soziales Engagement, ihre bauökonomische und bautechnische Kompetenz und nicht zuletzt ihre architektonische Innovationskraft, wenn es darum geht, mit beschränkten Mitteln auf vielfach wenig attraktiven Grundstücken gute Wohnungen zu günstigen Preisen zu bauen. Dass aus der Beschränkung der Mittel architektonischer Gewinn zu ziehen ist, das macht die besten Beispiele der Gattung zu Baudenkmälern mit hohem sozial- und architekturgeschichtlichem Zeugenwert, die seit den späten 1970er Jahren auch rechtlichen Schutz geniessen.

 

Dossier 1
Isabel Haupt
Bat’a baut: eine Company Town bei Möhlin

Zusammenfassung
Tomáš Baťa, der tschechische Schuhkönig, erbaute ab 1932 in der Nordwestschweiz bei Möhlin eine Company Town. Die Siedlung, die Fabrikbauten, Wohnhäuser und Freizeitanlagen umfasst, orientierte sich an der Baťa-Stadt Zlín. Die Wohnhäuser sind locker in einem grosszügigen Grünraum angeordnet, der durch keinen Gartenzaun unterbrochen wird. Die standardisierten Typengrundrisse für die frei stehenden Vierfamilien- und Zweifamilienhäuser sollten das Gefühl individueller Freiheit vermitteln. Die Wohnhäuser bilden dank ihrer einheitlichen Materialisierung als zweigeschossige Sichtbacksteingebäude mit Flachdach zusammen mit den Fabrikgebäuden ein eindrückliches Ensemble, in dem die Direktorenvilla, das Gästehaus und das Wohlfahrtsgebäude als verputzte Gebäude ihre Sonderrolle augenfällig machen. Nachdem Baťa 1990 die Schuhproduktion in Möhlin aufgab, stellte sich die Frage nach dem richtigen Mass zwischen Erhalt und Weiterentwicklung.

 

Dossier 2
Heiko Dobler
Leben für die Fabrik
Kosthäuser der frühen Industrialisierung im Kanton Aargau

Zusammenfassung
Ein genauerer Blick auf die verbliebenen Kosthäuser im Aargau und darüber hinaus lohnt sich. Für die anerkannt wichtige Industriegeschichte im Aargau leistet die verbliebene Anzahl von Kosthäusern einen wichtigen Beitrag, der viel über das Leben unserer Vorfahren zu erzählen vermag und die pragmatische Entwicklung des einfachen Wohnungsbaus aufzeigt. Ihr im Vergleich zu anderen industriebezogenen Bauten bescheidenes Äusseres und die programmatische Einfachheit ihrer Struktur sollten nicht dazu verleiten, ihnen keine baukulturelle, wirtschafts- wie sozialgeschichtliche Bedeutung beizumessen. Bezogen auf den fundamentalen Wandel der Gesellschaft während der industriellen Revolution und als früheste institutionalisierte Wohnform der mechanisierten Industrie kommt den 13 verbliebenen Kosthäusern im Aargau ein erheblicher Denkmalwert zu.

 

Dossier 3
Claire Piguet
Se loger dans la nouvelle société industrielle neuchâteloise
De la « boîte à loyers » au « château patronal »

Zusammenfassung
Wohnen in der frühen Neuenburger Industriegesellschaft
Ausgehend von drei beispielhaften Wohnsiedlungen für Arbeiter im 19. Jahrhundert werden die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Wohnverhältnisse untersucht: Wo und unter welchen Bedingungen wohnte ein Bewohner des Jurabogens, wenn er den elterlichen Bauernhof verliess, um Arbeiter, Polier, Buchhalter oder Fabrikdirektor zu werden? Durchmischung und Ausgleich prägen den Neuenburger Ansatz für Siedlungsgebiete und Wohnformen. In dieser Region verfügten die Betriebe und philanthropisch gesinnte Unternehmer nur selten über das notwendige Kapital zur Realisierung grosser Projekte. Die Beteiligung an Immobiliengesellschaften ermöglichte es jedoch denjenigen, die vom «Geist des sozialen Fortschritts» erfüllt waren, ihre Vorstellungen umzusetzen. In der Folge einer immer klareren Trennung von Arbeitsund Wohnort fallen die Wohntypologien als Spiegelbild neuer wirtschaftlicher und sozialer Hierarchien sehr vielgestaltig aus.

 

Dossier 4
Gian Paolo Torricelli, Lorenza Boschetti Cambin
I villaggi dei tunnel ferroviari del San Gottardo
Un confronto tra la galleria di Favre e l’AlpTransit

Zusammenfassung
Die Unterkünfte der Mineure am Gotthard
Wie wirkten sich die Baustellen und die Schlafsiedlungen der Mineure, die den Eisenbahntunnel des Gotthards bauten, auf die Landschaft und auf die lokale Gesellschaft aus? Auf der Grundlage von Bildern und Dokumenten aus den Archiven und von Nachforschungen, die 2010 auf den drei Baustellen der AlpTransit (Bodio-Pollegio, Faido-Polmengo und Sedrun) angestellt wurden, vergleicht und rekonstruiert der Artikel die Situation beim ersten Durchstich der Società del Gottardo (1872–1882) mit jener des Basistunnels (1999–2016). Während der Mineur von 1870 als Migrant mit seiner Familie auswanderte und sich vor Ort niederliess, war der Arbeiter von 2010 im Schichtbetrieb angestellt. Dies erlaubte ihm, an den acht Arbeitstagen in den Schlafsiedlungen zu übernachten und für die darauffolgenden sechs Freitage nach Hause zurückzukehren. In der Zeit zwischen den zwei grossen Baustellen finden auf technologischer, sozialer und kultureller Ebene grosse Veränderungen statt: Die neuen Arbeiterdörfer der Eisenbahntunnel waren von einer grösseren Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Arbeiter, ihren Gewohnheiten und Kulturen sowie von einem grösseren Respekt für die Landschaft geprägt.

 

Dossier 5
Claudia Neun, Melchior Fischli
Heimat, zeilenweise
Siedlungen der 1940er und 50er Jahre, zum Beispiel in Zürich-Schwamendingen

Zusammenfassung
Mit dem Siedlungsbau der 1940er und 50er Jahre wurde in Zürich in vergleichsweise kurzer Zeit ein Bauvolumen realisiert, das mit seinem Umfang ebenso beeindruckt wie mit seiner weitgehenden Einheitlichkeit. Waren die städtebaulichen und politischen Leitbilder des Siedlungsbaus seit dem frühen 20. Jahrhundert geprägt worden, erscheint die Wohnungsbaupolitik in den Jahren des Zweiten Weltkriegs als entscheidender Faktor für deren Umsetzung. Am Beispiel des Zürcher Stadtquartiers Schwamendingen lassen sich dabei drei Phasen des Siedlungsbaus unterscheiden. Auf den deutlichen Heimatstil der mittleren 1940er Jahre folgte einige Jahre später eine Architektur, die eine charakteristische Mittelposition zwischen Tradition und Moderne hielt; gleichzeitig wurden die Siedlungsprojekte in eine übergeordnete städtebauliche Planung eingebunden. Das Ende dieser Ära markieren schliesslich die grossmassstäblichen Überbauungen nach dem Leitbild einer differenzierten Bauweise, die sich ab den späten 1950er Jahren architektonisch stärker an der internationalen Nachkriegsmoderne orientierten.

 

Dossier 6
Martina Jenzer, Roland Frischknecht, Jasmine Wohlwend Piai
Umgang mit Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit
Herausforderungen und Chancen in der Stadt Zürich

Zusammenfassung
Die Stadt Zürich verfügt über eine Vielzahl qualitativ hochstehender Siedlungen der Nachkriegszeit. Eine Auswahl mit besonderem Zeugenwert befindet sich seit 1998 im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte. Die grossen, zusammenhängenden Siedlungen dokumentieren die städtebaulichen und sozialhistorischen Veränderungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Erneuerungszyklen und die Notwendigkeit der Siedlungsentwicklung nach innen, aber auch veränderte Anforderungen an den Wohnraum führen dazu, dass die Siedlungen derzeit besonders gefährdet sind. Bei baulichen Massnahmen an diesen Objekten ist die Betreuung durch die Denkmalpflege wichtig. Da die Akzeptanz für ihren Denkmalwert heute nicht selbstverständlich ist, sind vermehrt Sensibilisierung und Überzeugungsarbeit aber auch Kompromissbereitschaft von allen Seiten nötig.

 

Dossier 7
Ferdinand Pajor
Die Flüchtlingsreihenhäuser in Eretria an der Schwelle zur Moderne
Ein Schweizer Forschungsprojekt in Griechenland

Zusammenfassung
Auf der griechischen Insel Euböa wurde am Ort des antiken Eretria 1834 eine Stadt für die Vertriebenen der Insel Psara neu gegründet. In der Folge der Kleinasiatischen Katastrophe 1922 wurden im Westen und Osten der Ortschaft Flüchtlingsreihenhäuser erbaut. In einem Gemeinschaftsprojekt zwischen der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich wurde 1975/76 die «Richtplanstudie für Eretria» erarbeitet, welche die «Stratigraphie» des Orts von der Antike bis ins 20. Jahrhundert untersuchte. In dieser Studie wurden u.a. auch die Flüchtlingshäuser erstmals eingehend dokumentiert. Die Flüchtlingsreihenhäuser in Eretria sind Teil eines landesweiten Wohnungsbauprogramms der 1920er Jahre, das in den 1930er Jahren im sozialen Siedlungsbau – insbesondere in Athen – kulminierte und als integrierendes Element der Staatswerdung zu würdigen ist.

 

KdS | MAH | MAS
Isabelle Brunier
Genève, espaces et édifices publics
Les Monuments d’art et d’histoire du canton de Genève, tome IV

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Bauermeister
Billet de la direction

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Saskia Ott Zaugg
Die GSK zu Gast im Jura
167 Gäste reisten für die 136. Jahresversammlung der GSK an den Nordrand der Schweiz und besuchten unter dem Motto «Den Kanton Jura entdecken» die Städte Porrentruy, St-Ursanne und Delémont.

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Pfister Fetz
Herzlichen Dank, Benno Schubiger!

 

Focus
Simon Baur
Einem geschenkten Gaul …
Der Neubau des Kunstmuseums Basel muss seine Identität erst noch finden

 

Auslandreisen | Voyages à l’étranger | Viaggi all’estero

 

  • Friaul, Julisch Venetien und Triest
  • Toledo – Almagro – Sevilla

 

 

Bücher | Livres | Libri

 

  • Die Bilder der Kapellbrücke in Luzern
  • Les sculpteurs d’ornement à Genève au XVIIIe siècle

 

 

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Preis
CHF 25.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 17.00
Typ:
Buch
Abbildungen
133
Seitenzahl
88
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2016.2
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-243-4
Bandnummer
67. Jahrgang, 2.2016
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte