k+a 2011.2 : Ferien für alle | Vacances pour tous | Vacanze per tutti

k+a 2011.2 : Ferien für alle | Vacances pour tous | Vacanze per tutti

Michael Leuenberger
     Ferien für alle zeigt einen Ausschnitt der Vielfalt der Schweizer Tourismusbauten – von der Jugendherberge über das Reka-Dorf bis hin zum Grandhotel: ein Querschnitt durch teilweise wenig beachtete Phänomene der Baukunst. Die Redaktion von Kunst + Architektur in der Schweiz hatte das Glück, Autorinnen und Autoren zu finden, die sich auf ungewöhnlichen Spuren bewegen.

Was im 18. Jahrhundert mit der Entdeckung der Schweiz durch Persönlichkeiten wie den Maler William Turner begann – dessen Reise ins Tessin ebenfalls Thema dieser Ausgabe ist –, hat die Wahrnehmung des Landes bis heute geprägt: Tourismus ist identitätsstiftend, ein Spiegel unserer Befindlichkeiten. Er verändert sowohl die Innen- wie die Aussenwahrnehmung.

Wenn heute etwa bezüglich der Zersiedelung der Landschaft von der realen Situation der «Stadt Schweiz» gesprochen wird, so trifft das ebenso auf manche touristisch genutzten Landschaften zu. Cordula Seger und Christoph Sauter zeigen die entsprechenden Entwicklungen und Widersprüche in ihrem Essay über St. Moritz auf, ein Paradebeispiel für die Industrialisierung der Alpen durch die touristische Erschliessung: das Changieren zwischen Kuhdorf, Hotelstadt und Zweitwohnungshochburg und eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität, die im Lauf der Jahre zu einer eigenwilligen «multiplen Identität» geführt hat.

Dossier 1
Inge Beckel, Christof Kübler
Ferien für alle
Zu den Anfängen eines sozialen Tourismus in der Schweiz
   In der Zeit nach 1945 entstehen in der Schweiz zahlreiche Feriendörfer im Auftrag gemeinnütziger Einrichtungen: Der Beitrag ist eine Spurensuche anhand der drei Feriensiedlungen Albonago, I Grappoli und Bosco della Bella, die um 1960 im Tessin errichtet wurden. Für erstere zeichnet die 1939 unmittelbar vor Kriegsausbruch gegründete Schweizer Reisekasse Reka verantwortlich, als im Rahmen von privatrechtlich aufgestellten Gesamtarbeitsverträgen erstmals Ferienregelungen für Arbeiter getroffen wurden. Ob formal an den Heimatstil, eine abstrakt mediterrane Architektur oder futuristisch anmutende Baumhütten angelehnt: Alle drei Siedlungen sind einem kleinteiligen, ,volksnahen‘ Bauen verpflichtet. Gemeinnützig betriebene Feriendörfer legen neben dem Wirtschaftlichen ebenso Wert auf gesellschaftlich-soziale Anliegen. Im Unterschied zu Resorts bieten sie Programme für Kinder wie Erwachsene an und tragen zur Wertschöpfung vor Ort bei. Im Zentrum dieser Unternehmen steht anstelle des Shareholder Value der Social Value. Siedlungen, wie sie etwa die Reka betreibt, weisen grundsätzlich warme Betten auf.

Dossier 2
Zara Reckermann
Reaktion auf Ort und Institution
Umbau und Erweiterung der Jugendherberge St. Alban in Basel
   Die Jugendherberge St. Alban in Basel wurde 2009/10 von Buchner Bründler Architekten, Basel umgebaut und erweitert. Die Architekten reagieren mit ihrem Entwurf auf den vorgefundenen Ort, eine alte Seidenbandfabrik aus dem 19. Jahrhundert, und die Institution der Jugendherberge. Architektonisch gelang es Alt und Neu zu einem schlichten und modernen Ensemble zu verbinden. Dabei ist vor allem der städtebauliche Ansatz interessant: ein neuer Zugang als Brücke über den „St. Alban-Teich“ vom Maja Sacher-Platz, der sich als Steg entlang der historischen Fassade bis zum abgesetzten Erweiterungsbau fortsetzt. Leitgedanke der architektonischen Intervention war neben der geforderten räumlichen Erweiterung die Klärung der innerräumlichen Bezüge sowie das Hervorheben einer direkten, robusten und haptischen Materialisierung. Durch die Neuorganisation des Untergeschosses wird in den Gemeinschaftsräumen die ursprüngliche Grosszügigkeit der ehemaligen Seidenbandfabrik wieder erlebbar und den Gästen der Jugendherberge dadurch ein angenehmes Aufenthaltsambiente geboten.

Dossier 3
Christian Schülé
D’eau et de pierre: l’expression architecturale des Bains d’Yverdon
Von Wasser und Stein: die Architektursprache der Thermalbäder von Yverdon
     Die Quelle, welche die Thermalbäder von Yverdon speist, wird seit der Antike genutzt. Aus dieser Zeit sind jedoch nur einige archäologische Fragmente erhalten geblieben, die auf das Bestehen einer Kultstätte hinweisen könnten. Erste Belege für eine medizinische Nutzung stammen aus dem Mittelalter. Mit der Planung und dem späteren Bau einer Anlage für einen Beherbergungs- und Badebetrieb im Jahr 1682 beginnt die Zeit des eigentlichen Kur- und Badebetriebs. Das zentrale Gebäude, um das herum sich die Thermalanlage entwickelte, entstand im Rahmen eines architektonischen Aufbruchs, der das Gesicht von Yverdon im Verlauf des 18. Jahrhunderts grundlegend verändert hat. Nach mehreren Erweiterungen im 19. Jahrhundert wurde die Anlage 1896 durch eine Rotonde ergänzt. Die Einweihung des modernen Thermalzentrums im Jahr 1977 symbolisiert die Renaissance der Badetätigkeit nach einigen Jahren des Unterbruchs. Am Thermalkomplex von Yverdon-les-Bains lässt sich die architektonische Entwicklung eines schweizerischen Badebetriebs mit medizinischer und touristischer Ausrichtung über mehrere Jahrhunderte hinweg verfolgen.

Essay | Essai | Saggio
Cordula Seger, Christoph Sauter
Kuhdorf. Hotelstadt. Zweitwohnungshochburg
St. Moritz zwischen Stadt und Berg: Eine Spurensicherung
     Anhand von St. Moritz wird der Frage nachgegangen, wie der Tourismus im Laufe der vergangenen 150 Jahre die gebaute Umgebung in einer der begehrenswertesten alpinen Landschaften überformt hat und welche Schlüsse sich daraus für eine zukünftige ortsspezifische Bebauungsstrategie ableiten lassen. Dabei zeigt sich, dass vor 1914 das ehemalige Dorf St. Moritz gänzlich hinter der mondänen Hotelstadt verschwindet, während in den 1950er Jahren die Sehnsucht nach dem echten Naturerlebnis im frei stehenden Ferienhäuschen dazu führt, dass man erneut ländliche Idylle spielt und damit beginnt, die Landschaft mit einem gleichmacherischen Teppich von Eigenheimen zu überziehen. Damit büsst St. Moritz wie die umliegenden Dörfer, die heute meist hinter einem Speckgürtel von Zweitwohnungen im Neo-Engadinerstil verschwinden, ihren spezifischen Charakter ein. Die Kluft, die sich zwischen gebauter Realität und Imaginationsraum, als internationale Marke St. Moritz gefasst, auftut, lässt sich nur schliessen, wenn man nicht länger Dorf spielt, sondern an der spezifischen Geschichte als Recht auf Stadt weiterbaut.

Interview | Interview | Intervista
Simona Martinoli
 Da Francoforte a Montagnola. La casa del filosofo
   Nicola Emery

Dossier 4
Jean-Charles Giroud
Les hôtels et l’affiche en Suisse
Gloire et essoufflement d’un genre
Hotelplakate in der Schweiz
     Ab 1880 wird das Bildplakat als Werbemittel für Hotels in der Schweiz eingesetzt. Die ersten sorgfältig gezeichneten Exemplare fallen durch ihre Ausführlichkeit und ihren Detailreichtum auf und wollen das Publikum in erster Linie über die Eigenschaften des Hotels, Dienstleistungen, Transportmöglichkeiten und das Freizeitangebot informieren. Mit der Eröffnung von Hotels in den reizvollsten Gegenden der Schweiz wird die Landschaftsdarstellung schnell zum unentbehrlichen Element dieser Werke. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts werden die Details zunehmend durch eine künstlerische Dimension verdrängt. Unter dem Einfluss von Ferdinand Hodler schaffen zahlreiche Künstler grandiose Plakate, welche die helvetischen Panoramen verherrlichen. Das Hotelgebäude oder die Thermalanlage bleiben jedoch unumgängliches, zentrales Element der Komposition. Nach dem ersten Weltkrieg entwickelt sich das Plakat immer mehr zum Werbeträger für Massenprodukte. Die Zahl der Hotelplakate nimmt stetig ab, ohne jedoch an malerischer Qualität einzubüssen. Mit der Fotografie kommt ein neues Ausdrucksmittel auf, das dieses Genre, das ab 1939 beinahe vollständig verschwindet, jedoch nicht mehr neu aufleben lässt.

Dossier 5
Yvonne Kocherhans
Die Entdeckung der Tessiner Maiensässe als Ferienlandschaft im frühen 20. Jahrhundert
«Le case sui monti», die ersten Ferienhäuser der Luganeser in den Maiensässgebieten der Capriasca
     Das Ferienhaus ist eine relativ junge Erscheinung in der Ferien- und Tourismusarchitektur der Schweiz. Erst in der Zwischenkriegszeit, verstärkt dann mit der touristischen Breitenentwicklung nach dem 2. Weltkrieg, etablierten sich Ferienhäuser als Typen eigenständiger Architektur in verschiedenen Regionen der Schweiz. Einige interessante und frühe Beispiele, die sogenannten «Case sui Monti», entstanden bereits im frühen 20. Jahrhundert in den Maiensässgebieten (Monti) von Roveredo und Bigorio, unweit Tesserete. Die besonderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Region Lugano und die guten Verkehrsverbindungen zwischen Lugano und Tesserete führten hier zum vergleichsweise frühen Bau von Ferienhäusern in einer bis anhin bäuerlich geprägten Kulturlandschaft. Es waren vorwiegend vermögende Luganeser Familien, welche die Maiensässgebiete in der Capriasca seit 1900 als Erholungslandschaft entdeckten – lange bevor Ferienhäuser und umgebaute «Rustici» in dieser Gegend zum Freizeit- und Feriendomizil breiterer Bevölkerungskreise wurden.

Dossier 6
Laura Pedrioli
Un inglese a Bellinzona
Le vedute della città di Bellinzona realizzate da William Turner
Ein Engländer in Bellinzona
     Die Veduten der Stadt Bellinzona von J. M. W. Turner gehören mit Sicherheit zu den bekanntesten und am häufigsten reproduzierten Darstellungen des Tessiner Hauptorts. Die in Aquarelltechnik in den Jahren 1841 und 1843 anlässlich seiner Tessiner Aufenthalte ausgeführten Zeichnungen bezeugen das Interesse des Künstlers an dieser Landschaft und an ihrem künstlerisch-malerischen Potenzial. Im Zusammenhang mit der englischen Mode der Grand Tour entsteht in der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Tourismus, der auch durch das neu erwachte Interesse an der Berglandschaft gefördert wird; die Künstler begeben sich zur Besichtigung der Ruinen der Antike nach Italien und reisen nach der Überquerung des Gotthardpasses oft durch den Kanton Tessin. Turner gehörte zu den ersten englischen Künstlern, der das Tessin zu seinem eigentlichen Reiseziel bestimmte; er war fasziniert von der Stadt Bellinzona, die er schliesslich in zahlreichen Veduten festhielt. Durch ihre besondere Einbettung in die Landschaft und die suggestive Präsenz der Burgen und Befestigungsanlagen war sie bereits früher Gegenstand mehrerer bildlicher Darstellungen und hat ihre Anziehungskraft auch nach Turner auf zahlreiche weitere Künstler ausgeübt.

Dossier 7
Roland Flückiger-Seiler
«... versetzt das schäumende Gewässer gleichsam in lauter Feuer»
Entstehung, Untergang und Wiederentdeckung historischer Hotelbauten am Beispiel des Hotels Giessbach am Brienzersee
     Zur Zeit der ersten grossen Hotelbauten der 1830er-Jahre stand beim Giessbach nur ein kleines Gasthaus, das erste Hotel entstand 1857. Unter der Führung des Landschaftsgärtners und Hoteliers Eduard Schmidlin entwickelte sich der Betrieb zu einem bedeutenden touristischen Unternehmen, berühmt wurde die 1855 installierte bengalische Beleuchtung. Die Gebrüder Hauser, neue Besitzer seit 1870, liessen durch den Architekten Horace Edouard Davinet sogleich ein neues Hotel bauen, welches nach einem Brand 1884 zum «Hotelschloss» im Schweizer Holzstil mutierte. Mit dem allgemeinen Widerstand gegen die grossen Hotelbauten erlebte auch der Giessbach nach dem Ersten Weltkrieg schwierige Zeiten. 1978 beantragte die Eigentümerfamilie gar den Abbruch des historischen Hotels. Dank dem Einsatz einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Rudolf von Fischer und mit Hilfe der von Franz Weber gegründeten Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» wurde die Anlage bis 1989 vollständig renoviert. Die Rettung des Hotels am Giessbach legte den Grundstein zur Wiederentdeckung historischer Hotels in der Schweiz.

Dossier 8
Marcel Just
«Eine Ideal-Anlage»
Hotel Fürigen am Vierwaldstättersee
     Die Fürigen Hotel-Saga erzählt die Geschichte des umtriebigen Hoteliers Paul Odermatt. Er realisierte über Jahrzehnte auf Fürigen seine Hotel-Visionen, die für eine sportbegeisterte Mittelschicht alles Erdenkliche kombinierte: Sportangebote, wie betreute Schwimm-, Tanz- und Gymnastikkurse, Abendunterhaltung mit Musik und geführte Ausflüge. Ein Strandbad am See mit allen möglichen Vergnügungen vom wöchentlichen Flösschen-Corso mit aneinander gehängten Paddelbooten, die von einem Motorboot über den See gezogen wurden, bis zum einzigartigen Stehlift, der paternostermässig die Gäste auf die erhöhte Spiel- und Liegewiese beförderte, wo Tischtennistische, Reck und Rundlauf zu weiteren sportlichen Aktivitäten aufwarteten. Der auf 700m ü.M. gelegene Hotel-Komplex mit Tennisplatz war mit einer Standseilbahn verbunden. Täglich spielte das Kurorchester zum Konzert auf und zweimal die Woche wurden Bälle im Festsaal veranstaltet. Alles in allem ein Vorläufer der Club Med Idee. Kompromisslos setzte er alle seine Talente ein und wirkte neben seinem Beruf als Hotelier auch als Planer seiner Hotelbauten, Erfinder von Paddelbooten und als Werbestratege. Mit seinen Monumentalbeschriftungen versuchte er über den See zu wirken und mit seiner jährlichen Präsentation eines Modells der Fürigen-Anlage an der Mustermesse Basel gar überregional. Trotzdem wurde er von der Zeit eingeholt und konnte am Ende ohne Bäder in den Zimmern den Anforderungen der Gäste nicht mehr standhalten.

Interview KdS | Interview MAHS | Intervista MAS 
 I monumenti d’arte e di storia della Svizzera – Personalità
   Risposte di Aldo Nolli, architetto

KdS | MAHS | MAS 

  • Kunstdenkmälerautorin für St. Gallen
  • Luc Mojon zum Gedenken

 

GSK | SHAS | SSAS

  • 131. Jahresversammlung der GSK in Neuchâtel
  • Concours d’affi ches pour le patrimoine bâti

 

Aktuell | Actuel | Attuale
Wasserschloss weggewischt
Robert Maillarts Filterwerk am Bodensee zerstört
 

Preis
CHF 20.00
GSK-Mitgliederpreis
CHF 15.00
Typ:
Buch
Abbildungen
160
Seitenzahl
88
Autoren
Diverse
Artikelnummer
K+A-2011.2
Inhaltssprache
Deutsch
Französisch
Italienisch
Erscheinungsdatum
ISBN
978-3-03797-447-6
Verlag
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte